Älteste Aufnahme des Vaihinger Posaunenchors

Dieses Bild wurde als Bildpostkarte vom 2. Chorleiter Theodor Jansch am 1.10.1910 zu Bekannten nach Bretten geschickt. Dazu schreibt er: "Meine Lieben, sende euch hier eine Karte von meinem Posaunenchor. Hatten am Landwirtschaftlichen Bezirksfest mitgespielt in Bauerntracht. Grüße euch nun herzlich euer Theodor"

 

Die Geschichte des Posaunenchors ist eng verbunden mit der des Evangelischen Jugendwerks, die nur drei Jahre vorher begann. Angefangen hat alles mit Vikar Carl Seilacher, der 1903 an der Gründung eines "Evangelischen Jünglingsvereins" beteiligt war und 1906 aus diesen Reihen heraus mit einem Posaunenchor begann.

 

 

 

Hier sieht man dem Posaunenchor die Feuerwehrkapelle an. Diese Bildkarte schrieb Jansch am 19.8.1914 an dieselben Empfänger nach Bretten. Über das Bild schrieb er: "Dies die letzte Aufnahme meines Vaihinger Chors". Seinen Bekannten schrieb er unter anderem: "Soeben durch Extrablatt bekannt, dass die Deutschen die Russen geschlagen hätten und dabei 3000 Gefangene und mehrere Maschinengewehre erbeutet."

 

Beide Bildpostkarten stammen aus der Heimatsammlung von Dietmar Speidel (speidel1957@freenet.de) Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers.

 

Die ersten Instrumente wurden durch eine Spende finanziert

 

In seinem Buch "Ein Pfarrersleben" hat uns Carl Seilacher selbst eine Schilderung des Gründung des Vaihinger Posaunenchors überliefert: "Der Widerstand wuchs, als ich daran ging, die musikalischen Jünglingsvereinsmitglieder zu einem Posaunenchor zu sammeln. Wir haben uns nicht anfechten lassen. Ein Fabrikant am Ort zeigte Verständnis für meinen Plan, stiftete ohne weiteres acht Instrumente. Eines derselben nach dem andern habe ich mir auf meine Vikarsbude geholt, im Selbstunterricht einigermaßen spielen gelernt. Das mächtige Helikon, das man sich über den Kopf stülpt, Piston, Waldhorn, Zugposaune und wie sie alle heißen. Es ist für meine Pfarrleute gewiß keine Freude gewesen, die schauerlichen Töne zu hören, die anfangs den Instrumenten entströmten. Sie sind bisweilen dem Brüllen einer Kuh nicht unähnlich gewesen. Schließlich war ich soweit, daß ich mit den Übungsstunden für den Chor beginnen konnte. Die acht Bläser zeigten den schönsten Eifer. Man hörte sie üben, wenn man abends durch den Ort ging. Tagsüber hatten sie ja keine Zeit dazu. Mit einer Ausnahme sind meien Posaunenbläser alle Fabrikarbeiter gewesen. Bälder als ich erwartete, konnte ich es wagen, mit meiner kleinen Kapelle öffentlich aufzutreten. An irgendeinem Festtagmorgen geschah's. Standort: Das flache Dach des Schulhauses. ,Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre' klang über den Ort hin. Da und dort öffnete sich ein Fenster. Frauen und Mädchen, auch etliche Männer staunten, notdürftig bekleidet, im Nachtgewand, empor zu dem Schulhausdach, spendeten mit Händeklatschen Beifall, als wir geendet hatten. Verwöhnten Ohrenhätte unsre Musik ja nicht zugesagt. Dem Helikonbläser war einige Male der Atem ausgegangen. Im Piston gurgelte gegen ende unseres Spielens der Wasserniederschlag. Die Zugposaune ließ es an Taktfestigkeit fehlen. Trotzdem ist es schön, nein, wunderschön gewesen. Ich hatte meinen Bläsern vor diesem unsrem ersten Auftreten anempfohlen, sie mögen betenden Herzens spielen. Das haben sie offenbar befolgt. Es war deutlich zu spüren dort oben auf dem Vaihinger Schulhausdach. Noch öfter haben wir uns an dieser Stelle, später auch im Gottesdienst, hören lassen." In einem Brief, den Seilacher 1956 zum 50-jährigen Jubiläum an den damaligen Chorleiter Gottlob Lautenschlager schrieb, erinnerte er sich noch an die Namen der ersten Bläser. Er schrieb damals: "Einer derselben war Jansch, Sohn des dortigen Feilenhauers. Das schwere Helikon übernahm der massive, breitschuldrige Schulz. Das Piston blies Schneider" Auch die Namen der restlichen Gründungsmitglieder sind überliefert: Neben den genannten Theodor Jansch und Karl Schulth (Schulz?) und Schneider waren dies: Karl Lutz, Albert Keifer, Oskar Mezger, Karl Müller und Theodor Hartmeier. Sehr bald wurde der Chor ein fester Bestandteil des Gemeindelebens. In einem alten Protokoll heißt es: "Ganz selten vergeht ein Sonntag, ohne dass des Posaunenchor die Gemeinde mit einem Choral erfreut. Fast zu allen Beerdigungen werden seine Bläser gerufen, und jährlich bietet er der Gemeinde einen besonderen Genuss durch seine Konzerte." Immer wieder waren die Vaihinger Bläser auch in anderen Gemeinden im Einsatz. Selbstverständlich war die Mitwirkung bei Vereinsfesten und Weihnachtsfeiern.

 

Das Lutherhaus wird zur Heimat des Posaunenchors

 

Der Erste Weltkrieg machte einen "hemmenden Einfluß geltend", so der langjährige Vorsitzende Carl Asimus in einem Vereinsbericht über die ersten 60 Jahre. Die Musikkapelle der hiesigen Garnison hatte während des Krieges die Instrumente des Posaunenchors in Beschlag genommen. Aufgehört hat die Arbeit aber nie ganz. Nach dem Krieg ging es schnell wieder bergauf. Aus dem Jünglingsverein wurde ein "Männerö und Jünglingsverein". Die Zahl der Mitglieder stieg wieder an. Bereits 1923 wurde dann die erste Anregung zum Bau eines Vereinshauses gegeben. Im April 1927 konnte daas Haus eingeweiht werden und erhielt den Namen "Lutherhaus". Fortan hatte auch der Posaunenchor einen festen Platz für seine Proben und Veranstaltungen, und war nicht mehr auf Schullokale angewiesen. Ein besonderes Ereignis war immer auch der "Himmelfahrts-Familien-Ausflug", von dem es in dem schon erwähnten Bericht von Carl Asimus heißt: "In der Frühe ging es hinaus ins Grüne mit Pauken und Posaunenchall und so auch nachmittags wieder zurück." Die Chorleiter nach Vikar Seilacher waren Theodor Jansch, Lehrer Schöll und Lehrer Weber, Gustav Hotz und Robert Eberwein.

 

Ein Neuanfang mit jungen Männern und vielen Aufgaben

 

Der Zweite Weltkrieg forderte immer mehr Opfer. Die vielen Luftalarme machten einen regelmäßigen Vereinsbetrieb schwierig. Auch der Posaunenchor bekam das zu spüren, wurden doch viele seiner Bläser zum Militär eingezogen. Doch selbst, wenn nur noch drei Bläser da waren, ein Quartett nicht mehr zu Stande kam, geblasen wurde trotzdem, auch auf dem Schuldach. Von 1945 an wuchs der Posaunenchor ständig. Pfarrer Ernst Dippon hatte den Chor wieder aufgebaut und dafür gesorgt, dass zu den alten und erfahrenen Bläsern eine Reihe junger b läser hinzu kamen. Karl Grau war der erste, der bereits 1945 dazu fand. Er hatte vorher schon im Fanfarenzug geblasen. Werner Kohler spielte gemeinsam mit seinem Vater. Weitere junge Männer kamen hinzu, so dass in den nächsten Jahren bereits ein "Posaunenchor Junioren" aktiv war, der acht Bläser zählte und sich zu zusätzlichen Proben traf. Otto Eberwein und Hans Haußmann waren als Jungbläser-Ausbilder tätig und so kam auch in den folgenden Jahren immer mehr "Nachwuchs" hinzu. Sehr schnell zählte der Chor wieder 20 und mehr Bläser. 180 bis 200 Auftritte im Jahr waren zu dieser Zeit normal. Zu Gottesdiensten und Schuldachblasen kamen viele Proben, Geburtstagsständchen bei betagten Gemeindemitgliedern und auch Gemeindefeste, sowie Dienste in der Nachbarschaft. Unvergessen sind bis heute die Gottesdienste in Büsnau. Als es dort noch keine Kirche gab, fanden sie im Geschäftshaus der Familie Schwarz statt. Mit Milchkannendeckeln wurde eines Tages das fehlende Glockengeläut ersetzt. 1950 hat der Chor bei der Wiedereinweihung der Thomaskirche in Kaltental mitgewirkt. Zugleich war dies der Abschied von Pfarrer Doppon als Chorleiter, der ins Pfarramt nach Gerlingen wechselte. Ab 1946, der Männer- und Jünglingsverein hatte seinen Namen in Evangelisches Jungmännerwerk geändert, nahm der Vaihinger Chor auch wieder an den Bezirks- und Landesposaunentagen teil. Einer der ersten Bezirksposaunentage für die jungen Bläser war in Kemnat. Bezirksposaunenwart Fritz Klein war noch nicht aus der Gefangenschaft zurück. Landesposaunenwart Hermann Mühleisen hat ihn vertreten. Beim Platzblasen ließ er bei strömendem Regen "Die güldene Sonne" aufschlagen und spielen. Noch lange sah man den "Bundesklängen", dem damaligen Notenbuch, dieses Regenwetter an. Die Fahrt nach Ulm zu den ersten Landesposaunentagen nach dem Krieg machten wir mit Herrn Reble und seinem Holzvergaser-Bus. Auf der Albhochfläche gab es dann eine Heiz-Pause zum Holz nachfüllen. Laienspiele, wie sie in den Nachkriegsjahren üblich waren, wuörden oft auch mit Gemeindebesuchen verbunden. Immer war auch der Posaunenchor dabei. Die Älteren erinnern sich noch an Kirchheim/Neckar oder an Schloss Laubach. Dort machte die Baronesse mit ihrem großen Hörgerät mächtigen eindruck. auch die Übernachtung in einer Scheune, wo der Leichenwagen Platz hatte, regte zu allerlei Unfug an. Hans Haußmann leitete den Chor nach dem Weggang von Pfarrer Dippon. Er wurde von Rektor Gottlob Lautenschlager abgelöst.

 

Schuldachblasen

 

Das Spielen in der Öffentlichkeit, somit auch das Schuldachblasen war in der Zeit des 2. Weltkrieges verboten worden. Die Tradition dieses Dienstes endete aber damit nicht, nach Kriegsende wurde sie wieder aufgenommen. Eingestellt wurde dieser regelmäßige, sonntägliche Dienst 1962. Später wurde noch gelegentlich zu besonderen Anlässen gespielt. Dieser Dienst wurde mit besonderer Treue durchgeführt. Hinderungsgründe waren eigentlich nur schlechteste Wetterbedingungen oder die Abewesenheit des Posaunenchores von Vaihingen. Jeder Bläser, der bei diesem Dienst mitgewirkt hat, wird sich gerne daran erinnern. Treffpunkt war um 8.30 Uhr (1. Läuten) in der Österfeldschule, man stieg die Treppen zum Dachgeschoß hinauf und packte Instrumente und Noten aus. Bei Bedarf, z. B. bei einem ungewohnten Wochenlied oder auch, wenn junge Bläser dazukamen, wurde kurz angeblasen. Über eine sehr steile Leiter und eine vorher geöffnete enge Dachluke (das Durchreichen der Tuba war Milimeterarbeit) betrat man das Schuldach. Auf dem Blechdach der Schule war ein Lattenrost als Stehfläche angebracht. Als Anfänger hatte man die ersten Male Schwierigkeiten, seinen Notenständer zu plazieren. Geblasen wurden meist zwei Morgenlieder, das Wochenlied und dem Kirchenjahr entsprechende Choräle. So gegen 9.00 Uhr (2. Läuten) war dann das Blasen beendet. Nach erfolgtem Abstieg (der letzte mußte die Dachluke wieder sehr sorgfältig verschließen) packte man seine Sachen zusammen und verließ das Schulgebäude. Instrumente und Noten wurden dann unter der Treppe zum Emporenaufgang Katzenbachstraße der Stadtkirche (heute nicht mehr vorhanden) deponiert. Vor Beginn des Gottesdienstes hatte man noch eine gute Viertelstunde Zeit zu einem Schwätz, vornehmlich um anstehende Dienste und aktivitäten des Posaunenchores. Dazu kam dann meistens der damalige Chorleiter Herr Lautenschlager, der unser Blasen aufm dem Weg zur Kirche hörte (aus gesundheitlichen Gründen konnte er nicht auf das Schuldach kommen). Um 9.30 Uhr (Zusammenläuten) ging man in die Kirche und nahm am Gottesdienst teil. Wirkte der Posaunenchor im Gottesdienst mit, so wurde nach Abstieg vom Schuldach nochmal im Dachgeschoss der Schule kurz angeblasen, danach ging man in die Kirche und nahm Platz auf der Empore.(Heiner Kroll)

 

Von Altennachmittag bis S-Bahn-Einweihung Nach Gottlob Lautenschlager übernahm Karl Grau die Leitung des Chores. So war auch in der Nachkriegszeit immer wieder ein Wechsel zwischen Bläsern, die aus dem Chor hervorgingen und musikalischen Pädagogen gegeben. 30 Jahre hat Karl Grau den Chor geleitet, bis er aus gesundheitlichen Gründen aufhören mußte. In seiner Amtszeit entstanden die Lampionfeste im Waldheim. Auch bei den Familientagen wirkte der Chor mit. Ausflüge des Chores, auch gemeinsam mit dem Familienkreis, führten an schöne Plätze des Landes. Freilich gehörten auch Konzerte und Feierstunden immer wieder zum Programm des Chors. Neue Aufgaben kamen hinzu. So zum Beispiel das Blasen im Filderhof, beim Sommerfest des Behindertenzentrumss oder bei den Jahres-Altenfeiern. Kaum ein Gemeindefest im Waldheim wurde ohne Posaunenchor durchgeführt. Von Anfang an spielt der Posaunenchor am Ostermorgen auf dem Friedhof die Choräle, die vom Ostersieg künden. Auf dem Friedhof waren die Bläser auch sonst öfters im Einsatz, besonders dann, wenn ehemalige Bläser oder Angehörige des Jugendwerks beerdigt wurden.